Tuesday, October 23, 2007

Leipzig, 4.Mai 1899


In der Schönhauser Allee Nr.54 hat am 26. v.M. der Handelsmann Wilhelm Histermann im Alter von 38 Jahren seine acht und sechs Jahre alten Töchter Margarete und Erna getötet und dann sich selbst erhängt. In einem Briefe, den er auf dem Tisch gelassen, teilte er mit, dass die Not und die Arbeitsunfähigkeit infolge der zunehmenden Blindheit ihn zwängen, auf diese Welt zu verzichten, dass er eine bessere zu finden hoffe und die Kinder in ein besseres Jenseits mitnehme, um niemand die Last ihrer Erhaltug aufzuerlegen. - Die Leichen wurden nach dem Schauhaus abgeholt, der Brief ist aus dem Polizeigewahrsam an das Gericht übergegangen.

Berliner Lokalnotiz



Wieder fiel einer, von dem ein polnisches Sprichwort sagt: Bis die Sonne aufsteigt, frißt uns der Tau die Augen.
In dem Augenblicke, als er mit dem Todes- und Mordgedanken rang, drang zu ihm durch das offene Fenster ein gemischter Chor menschlicher Lebensstimmen. Unten im Hofe klopfte der Bursche des Herrn Leutnants den Teppich und schäkerte dabei mit der rotwangigen Magd des Hauswirtes. Der Spengler im Nachbarhaus hämmerte eintönig wie ein Specht mit hellem metallischem Klang. Eine Drehorgel begann die Trinkarie aus der 'Traviata' und unterbrach sie plötzlich bei der barschen Verweisung des Portiers. Von der Strasse drang ins Zimmer das Rasseln der vorüberfahrenden Pferdebahn. In der gleichen Stadt, auf derselben Strasse, in demselben Haus, Wand and Wand, nur einen Schritt entfernt, wimmelten die Menschen, ging eifrig jeder seinen Tagesgeschäften nach, lief jeder seine Lebensfährte, und keine Seele kümmerte sich um dies mit dem Verbrechen, mit dem Tode ringende Menschenleben, niemand warf einen Blick auf das Elend, auf den Untergang dreier lebender Wesen. Nur eine dünne Wand, nur einige Schritte trennten den Unglücklichen von seinen Mitmenschen, und doch lag zwischen ihm und ihnen ein unüberbrückbarer Abgrund. Es waren dieselben Menschen, sie sprachen dieselbe Sprache, waren vom gleichen Lande, und doch, wären sie vom anderen Weltteil, von anderer Rasse, wären sie vom Monde, er konnte ihnen nicht fremder, nicht gleichgültiger, unbekannter sein. Die 'Gesellschaft', die Zusammenfassung der Einzelmenschen zur 'höheren Einheit', das 'organische Ganze' war in jenem Augenblicke eine freche Lüge, ein Phantom, sie existierte nicht, sie war nicht da, die 'Gesellschaft', das verlöschende Menschenleben mit seiner schrecklichen Qual bebte ganz allein da, mit niemand verbunden, von keinem Ganzen umfasst, an niemand gegliedert und gesellt, von allen getrennt und verlassen, auf sich selbst angewiesen, mitten im Menschengewühl wie ein Ertrinkender im fernen Ozean, wie ein im Lufraum wirbelndes Stäubchen. Von der ganzen Menschheit abgefallener Splitter, rang er in der Einsamkeit, in der geistigen und leiblichen Finsternis, und starb hilflos in seiner unumschränkten 'individuellen Freiheit', fiel 'ein Freier' im Kampfe ums Dasein, brach, ein großer Herr, ein Kulturmensch, auf seinem Elendslager zusammen, wie ein von allen verstoßener Hund auf seinem Kehrichthaufen verreckt.
Und erst als der schreckliche Frevel gegen die Natur, als der Kindsmord und der Selbstmord geschehen war - da wurde die 'Gesellschaft' zur Wahrheit, die Fiktion zur Realität. Sie schritt gravitätisch heran, die 'Gesellschaft', mit Schutzmannsuniform und Säbel, sie machte ihre Rechte als das 'Ganze', als die 'höhere Einheit' geltend: Sie nahm die Menschenleichen in Beschlag, sie protokollierte das ausgespielte dreifache Lebensdrama und eröffnete eine Untersuchung, um über den geschehenen Frevel ihr Urteil zu fällen.
Als der antike Sklave, von seinem Herrn an das Kreuz geschlagen, in unsäglicher Qual sich krümmte, als der Leibeigene unter der Rute des Fronaufsehers unter der Last der Arbeit und des Elends zusammenbrach, da lag wenigstens das Verbrechen des Menschen am Menschen, der Gesellschaft am einzelnen offen, entblößt, schrecklich in seiner Nacktheit, himmelschreiend in seiner Brutalität. Der gekreuzigte Sklave, der gemarterte Leibeigene starb mit einem Fluche auf den Lippen, und sein verlöschender Blick traf hasserfüllt und Rache verkündend seine Peiniger.
Erst die bürgerliche Gesellschaft breitete über ihre Verbrechen den Schleier der Unsichtbarkeit. Erst sie sprengte alle Bande zwischen den Menschen und überließ den einzelnen seinem Schicksal, seinem Elend und seinem Verderben, um sich seiner erst nach seiner Entmenschung -geistigen oder leiblichen, durch Mord oder Selbstmord - zu erinnern. Erst sie zwang den Menschen, sich selbst zu entleiben und seine Kinder zu morden - im hellen Sonnenlicht, mitten auf lärmender Marktgasse, mitten im eintönigen stumpfsinnigen Gepolter und Gerassel der Alltäglichkeit, die nicht eine Sekunde bei dem Gefallenen hält, die nicht eines Blickes seine Leiche würdigt. Erst die bürgerliche Gesellschaft hat ihrem Massenmord den Schauder genommen, weil sie ihn alltäglich gemacht, bei den Opfern wie bei den Peinigern die Sinne abgestumpft hat, das Drama des menschlichen Daseins durch menschliche Trivialität, den Schrei eines Untergehenden durch die Arie des Drehorgel, die Leiche eines Gefallenen durch den Staub der Großstadt deckend.
Und wir selbst, überfliegen wir nicht mit gelangweiltem Blick jeden Tag die 'vermischten Nachrichten' auf vorletzter Seite unserer Tageszeitung, diesen großen Müllkasten, in den der Abfall des bürgerlichen Gesellschaft -Diebstahl, Mord, Selbstmord, Unfall - tagtäglich abgelanden wird? Gehen wir nicht in stumpfsinniger Ruhe an die Arbeit und von der Arbeit ins Bett? Und glauben wir nicht im stillen, weil uns der Friseur mit näselnder Stimme behaglich von einem Einbruch im gegenüberliegenden Haus erzählt, weil die Züge der elektrischen Bahn mit mechanischer Gleichmäßigkeit durch die Straße rasseln, weil die Bäume in den Anlagen knospen und blühen, wie wenn alles in schöner Ordnung wäre, weil jeden Abend in der Oper die Vorstellung ruhig in Szene geht, glauben wir denn nicht selbst im stillen, dass die Geschichte noch eine Weile in diesem Trab weitergehen könne, dass nichts Besonderes geschehen und dass wir allenfalls unseren Schoppen in Seelenruhe noch trinken können?
Und doch fällt in jedem Augenblick irgendwo neben uns ein Opfer, unverschuldet, hilflos, verlassen, mit einem furchtbaren Rätsel im Herzen, mit einer schrecklichen Frage auf den Lippen, mit einem erstaunten, hoffnungslosen Blick auf dies millionenköpfige und doch kopflose, mit Millionen Herzen schlagende und doch herzlose, Millionen Menschen umfassende und doch unmenschliche, taube, blinde Ungeheuer, die bürgerliche Gesellschaft....[...]

Rosa Luxemburg, in der Leipziger Volkszeitung vom 4.Mai 1899 (Gesammelte Werke Band 1/1 S.567)


Heute in der Rubrik 'Aus aller Welt' in den Zeitungen.